Urban Motor

Interview / September 2016

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Eine Binsenweisheit. Doch im Falle der Jungs von Urban Motor stimmt sie. Lange bevor alte BMWs so richtig hip wurden verließen bereits weltstädtische Boxer-Umbauten die Werkstatt an der Spree. Wir sprachen mit Peter Dannenberg, dem kreativen Kopf der Berliner Kradschmiede.

Man kann es kaum glauben, doch ihr seid nun bereits im verflixten siebten Jahr.

Ja, das stimmt. Im April 2009 haben wir Urban Motor offiziell eröffnet. Das fühlt sich heute an, als sei es lange her. Denn es hat sich viel verändert.

Du meinst damit Euren Umzug im letzten Jahr?

Ja, auch. Der Umzug war eine logische Konsequenz. Wir mussten uns räumlich verändern. In Berlin Mitte war eine langfristige Planung einfach nicht mehr möglich, doch die brauchten wir. Nun sind wir im Rummelsburger Kiez, immer noch an der Spree und haben uns in der neuen Location gut eingelebt. Was ich aber auch meine ist, dass wir uns inhaltlich weiterentwickelt haben.

Wie genau meinst Du das?

Wir waren anfänglich – nach heutigen Maßstäben – nicht immer so gut, wie wir es sein wollten. Das ist in der Gründungsphase vielleicht normal, doch im Nachhinein bin ich stolz darauf, dass wir uns wirklich entwickelt haben. Mit der Zeit wurden wir immer professioneller und zu dem, wofür Urban Motor heute steht.

Was ist denn heute Dein Selbstverständnis von Urban Motor?

Grundsätzlich haben wir zwei Standbeine, unsere Werkstatt und die Umbauten. Und der normale Kundendienst ist mit dafür verantwortlich, dass unser Plan aufgegangen ist. Denn wir erreichen damit Motorradfahrer, die vielleicht kein Custom Bike fahren, aber ihr geliebtes Zweirad trotzdem in guten Händen wissen wollen. Unsere Stammkunden…

Im Gegensatz zur weitläufigen Wahrnehmung sind wir außerdem nicht nur BMW-Profis, sondern machen zu allererst das, was uns Spaß macht. Das sind eben auch andere, meist europäische Klassiker. Die Zweiventiler von Guzzi, Triumph oder Ducati lieben wir mindestens genauso. Und Dogmen sind uns sowieso fremd.

Eure Custom-Bikes setzen aber schon einen Schwerpunkt beim Boxer.

Sicher, wir haben viele BMWs gebaut. Doch das ergab sich völlig ohne Zwang, aus sich selbst heraus. Als wir anfingen war eine umgebaute R100 extrem selten – darin lag der Reiz. Über die Jahre ist das ein Trend geworden. Und die Kunden fanden großen Gefallen an unseren Boxer-Umbauten – die Nachfrage ist einfach groß.

Die Vielfalt sieht man auch in Eurer Werkstatt. Da stehen eine Ducati, Hondas, ein SR500-Projekt und noch seltenere Fabrikate.

Sicher, denn wir wollen uns um keinen Preis festlegen. Viele Marken sind bei uns willkommen.

Du hast mich aber gerade nach unserem Selbstverständnis gefragt – da ist mir eine Sache wirklich wichtig: Urban Motor ist ein Team! Wir haben unseren Lehrling Viktor, die beiden Mechaniker Uwe und Henry und mich als Strippenzieher. Meine Jungs machen das aus Idealismus, denn die Branche ist hart, wenn man hauptberuflich in ihr bestehen will. Sie haben wirklich gelernt was sie tun. Das unterscheidet uns von so manch anderem Laden. Und nur, weil ich für die Medien immer meine Fresse hinhalte heißt das nicht, dass ich im Mittelpunkt stehen will. Die Jungs sind echte Profis und verdienen die ganze Wertschätzung – auch wenn sie nicht gern vor der Kamera stehen. Das muss mal gesagt werden, weil sonst ein falsches Bild entsteht.

Als Gründer macht es aber Sinn, dass du Gesicht zeigst. Außerdem bist Du doch der Medienprofi im Team, oder?

Das mag stimmen. Ich war zuvor viele Jahre in der Musikindustrie tätig. Doch irgendwann war ich so krank vom System, dass ein Ausstieg zwingend nötig war. Spätestens als unser Sohn geboren wurde musste was passieren. Und meine Frau bestärkte mich in der Entscheidung, etwas Neues zu wagen. Dann fragte ich mich, woran ich schon immer Spaß hatte. Das Motorrad-Thema stand auch auf der Liste. So entstand Urban Motor – mit dem Ziel, dem Leben wieder mehr Freiraum zu schenken.

In Gesprächen mit Uwe und Henry habe ich gelernt, dass Freiheit und Gleichberechtigung auch innerhalb der Firma als Werte hochgehalten werden.

Natürlich. Wir arbeiten auf Augenhöhe – und jeder macht das, was er am besten kann. Ich selbst bin in der Werkstatt alles andere als ein Genie. Henry kann in einem aktuellen Projekt beispielsweise ein Motorrad von Grund auf neu konstruieren.

Du spielst auf das an, was sich als Silhouette unter dem gelben Tuch auf der Hebebühne abzeichnet?

Genau – hier toben sich Henry und auch Viktor richtig aus, da haben sie Bock drauf. Wir bauen etwas komplett Neues. Für das Essenza-Sprintrennen auf der Intermot im Herbst entsteht ein Renner, bei dem wir den Begriff Essenz wörtlich nehmen. Wir widersetzen uns bewusst dem aktuellen Leistungswahn und machen was richtig Emotionales. Weniger ist mehr, das treiben wir auf die Spitze. Und weil der Motor des Sprinters aus Henry´s Familie stammt schreiben wir auch die Geschichte weiter.

Kannst Du mehr über die Technik verraten?

Nur so viel: Im handgefertigten Rahmen hängt der Zweitakter einer Werksmaschine von Jawa. Auf den Rest darf man gespannt sein, denn die Ästhetik und der Race Spirit stehen im Vordergrund. Power ist zweitrangig…

Solch extreme Kreationen kennt man kaum von Euch. Ich habe Urban Motor Bikes immer als bodenständig wahrgenommen.

Die Umbauten von Urban Motor haben einen hohen Anspruch an Ästhetik, sind aber auch funktional perfekt. Gleichzeitig sind es Maßanfertigungen für den Kunden – und damit Ausdruck seines Traumes. Form und Funktion gehen dann Hand in Hand. Das ist Urban Motor Style. An der „Six Nights“ hatten wir etwa die Gaszüge unter den Vergaser gelegt, weil es cool und clean aussah. Doch es hat nicht gut funktioniert. Nun sieht man sie wieder oben, doch sie erfüllen eben auch ihren Zweck. Das eint unsere Motorräder.

Es sind also keine Kunstwerke – sie bleiben zu allererst Fahrzeuge?

Zwangsläufig, denn was nur gut aussieht kann gern auch mal Müll sein! Ein Kunde fuhr mit einer von uns gebauten Maschine kürzlich 5.000 Kilometer durch Südamerika. Und der einzige Schaden war eine abgefallene Fußraste… Ein Bike von Urban Motor wird vor Auslieferung mit großem Aufwand revidiert. Wir fassen jede Schraube an, fahren Tests über hunderte Kilometer und können daher auch Gewährleistung geben. Das ist ein Stück German Engineering.

Dann macht so weiter – vielen Dank fürs Gespräch!

Klar, sehr gern!

Text und Fotos von Wheels of Stil