Berham Customs

Interview / September 2016

Berlin. Weißensee. Nord-Nord-Ost. In einem alten Bürokomplex, der schon bessere Tage sah, führt ein langer Flur tief in den Keller. Dort unten werkelt Martien Delfgaauw an zweirädrigen Kreationen. Ein einfallsreicher Zeitgenosse, dem Zeitgeist allerdings wenig bedeutet. Dieser Keller und dieser Mann, das ist Berham Customs.

Martien, man könnte Dich als einen der „jungen wilden“ der Custom-Szene bezeichnen.

Na ja, ich bin 42 und schraube seit 25 Jahren an Vespas und Motorrädern.
Insofern erfülle ich jung und wild wohl nur bedingt (grinst). Aber ja, beim Wort „Biker“ schüttelt es mich. Ich stehe nicht auf Bluesrock, habe keine Fransenjacke und auch keinen Systemhelm auf dem Kopp. Für Originalzustand konnte ich mich auch noch nie begeistern. Meine Art, Motorräder umzubauen ist wohl der „New Wave Custom-Szene“ zuzuordnen. Ich wollte schon immer frei von Dogmen sein und außerhalb von Schubladen denken. Aus dieser Haltung ist Berham Customs hervorgegangen.

Eigentlich bist Du aber Werbeprofi.

Ja, ich arbeite freiberuflich als Kreativer für Agenturen und Unternehmen. Das Texten und Konzipieren mache ich fast schon genauso lange wie das Schrauben. Die Werkstatt ist aus dem Drang hervorgegangen, Ideen nicht nur in Kampagnen umzusetzen, sondern auch in Kubikzentimetern. Mit den Händen etwas Bleibendes schaffen, das durch keine Marktforschung muss und nur einem Zweck dient: Der Freude. Lustiger Weise hatte ich zuletzt einige Aufträge, bei denen beide Ebenen gefragt waren…

Aus dem Hobby ist mit Berham Customs also purer Ernst geworden?

Bloß nicht! Zwar bin ich aktuell mit Motorradprojekten gut beschäftigt. Aber wie es hier hinten auf dem Banner steht: „Brains Run On Fun“. Die Freude steht für mich im Vordergrund! Die will ich mir unter allen Umständen bewahren. Es ist so etwas wie mein Mantra. Das trifft auf die Arbeit mit dem Schraubenschlüssel übrigens genauso zu wie auf das Texten im Büro.Es hat für mich aber auch eine andere Ebene: Diese fast freudlose Selbstverliebtheit, die Selbstinszenierung auf der Jagd nach Fans und Followern, das geht mir gelegentlich auf die Nüsse. Ich denke, man sollte das, was man tut immer ernster nehmen als sich selbst. Nicht danach streben, irgendwelchen Bildern zu entsprechen, sondern den eigenen Idealen und Ansprüchen.

Diese Haltung sieht man auch Deinen Umbauten an. Du scheinst Dich stilistisch nicht festlegen zu wollen, oder?

Stimmt. Meine einzige Festlegung: Keine Toastbrot-Sitzbänke im Brat-Style – damit werde ich mich wohl nie anfreunden können (lacht). Ignoranz ist ein großer Teil der Berham-Identität: Kategorien ignorieren, Erwartungshaltungen ignorieren. Alles, was einen einschränkt – ignorieren! Davon versuche ich mich leiten zu lassen. Die einzige Einschränkung, der ich mich bereitwillig beuge, ist die technische: Eine Gabel zum Beispiel kann man eben nur soweit kürzen, wie es der Federweg zulässt. Fahrwerksgeometrie kann man nicht ignorieren, weil’s dann eben scheiße fährt. Gut fahren und zuverlässig funktionieren muss ein Berham-Motorrad nämlich. Skulpturen bauen andere, ich mache Fahrmaschinen.

Ignoranz als roter Faden, ein spannender Ansatz!

Ja, zumal man sich so auch von jeglicher Markenfestlegung, etablierten Stilen oder Trends distanziert. Auch ein typischer Berham-Stil widerstrebt mir. Das würde mich alles nur in der Freiheit beschneiden. Oder Wiederholung bedeuten – das will ich nicht. Mein Ziel, wenn mir eines Tages der Schraubenschlüssel final aus der Hand fällt: Dass alle Berham-Zweiräder eint, nie so recht in existierende Schubladen gepasst zu haben. Wäre dann ja auch eine Art Handschrift. Einen Begriff dafür habe ich schon: Quogaika.

Quogaika, das klingt fast philosophisch. Was genau muss man sich drunter vorstellen?

Naja, Quogaika war mal das Lieblingswort meiner damals zweijährigen Tochter. Sie konnte noch nicht sprechen. „Quogaika“ kam aber immer wieder aus ihr heraus. Zwar völlig ohne Bedeutung, doch es klingt in sich total schlüssig und harmonisch, es fließt. Übertragen aufs Motorrad: Keine Genre-Stempel, trotzdem ein harmonisches Gesamtkonzept. Ich mag halt klare Ideen – Linien und Proportionen sind mir extrem wichtig. Bei der BMW da hinten zum Beispiel ging es mir darum, alles rund um den massigen Boxer-Motor leicht und schwebend erscheinen zu lassen.

Aktuell schraubst Du aber an einer 98er XT – die hat im Serienzustand eigentlich gar keine Linie.

Umso hilfreicher ist es dann, mit dem Tank anzufangen. Aus dem XS-Spritfass ergab sich dann der Rest. Das Motorrad gehört einem Kunden, der ein individuelles Motorrad als Alltagsmöhre will. Deshalb bleiben zum Beispiel der Luftfilterkasten und das große Vorderrad drin. Auch ein fancy Auspuffröhrchen kann man knicken. Das ist weder alltagstauglich noch legal. Also muss ein richtiger Dämpfer dran. Die einfachsten Kniffe eine Karre besser aussehen zu lassen fallen damit flach. Das fixt mich aber umso mehr an. Weil etwas ernsthaft Funktionierendes schwieriger ist als Etwas, das nur schön sein soll.

Fällt dir spontan ein aktueller Umbau ein, der dich inspiriert?

Ja, die Yamaha XSR700 von Bunker aus der Türkei. Im Originalzustand ist die XSR ein furchtbar hässliches, unproportioniertes Motorrad. Nach der Bunker-Kur ein Traum! Total ausgewogen, eigenständig und trotz Reminiszenzen an vergangene Jahrzehnte kein Retro-Bike. Die zu fahren macht bestimmt unheimlich Spaß…

Du scheinst mit diesem „Grenzenlos-Anspruch“ sehr offen für Neues zu sein. Gibt´s trotzdem Dinge, die Du für Berham und Dich kategorisch ausschließt?

Kaum. Echt Bock hätte ich zum Beispiel auf ein E-Bike. Die funktionieren ja mittlerweile ganz gut und bieten auch richtig Fahrspaß. Ich denke da gerade an Zero Motorcycles – wirklich schön sind die ja nicht. Damit würde ich gern mal experimentieren. Ausschließen kann ich eigentlich nur…, ja – eine Victory. Die Dinger und die Käufer verstehe ich nicht. Halb Indian, halb Harley – was soll das…?

Also erst einmal kein Big-Size-Cruiser aus Deiner Werkstatt. Was kommt dann als nächstes?

Bald geht’s mit einem Sprinter-Projekt los. Felix Pilz, mein Kollege, hat da einen schönen 80er-Jahre-Rahmen stehen. Wir haben da einfach Bock drauf.

Außerdem bin ich mit KRT Framework dabei, eine Kleinserie von Custom-Parts für BMW-Zweiventiler an den Start zu bringen. Teile, die wir für Umbauten in der Vergangenheit als Einzelstücke angefertigt haben und von denen wir glauben, dass sie manch anderer auch gern hätte. Es gibt noch viele weitere Ideen, mal schauen…

Martien, vielen Dank fürs Interview.

Text und Fotos von Wheels of Stil